Die Weißfrauenkirche in Frankfurt am Main

Beide Fotos: Christoph Doll

Der Im • Puls für die Monate September und Oktober zum Thema Diakoniekirche

Liebe Leserinnen und Leser,
die Weißfrauenkirche in Frankfurt am Main belegt im Ranking der Sehenswürdigkeiten der Mainmetropole einen Platz weit hinten, wenn sie denn überhaupt Erwähnung findet. Touristen verirren sich selten dorthin.

Gezielt angesteuert wird sie hingegen von Menschen, die nicht mithalten können mit dem Lebensstandard vieler Banker, Manager und gehobener Angestellter in „Mainhattan“. Frauen und Männer sind das, die wegen einer Suchtproblematik oder infolge chronischer Erkrankungen ihren Job verloren haben; Ältere und Jüngere, die durch Verschuldung oder persönliche Schicksalsschläge aus der Bahn einer bürgerlichen Existenz geworfen wurden. Viele von ihnen kommen gerne und regelmäßig in diese Kirche im Frankfurter Bahnhofsviertel, weil sie sich hier willkommen fühlen.
Die Weißfrauenkirche hat unter den vielen Kirchen Frankfurts nämlich als „Diakoniekirche“ ein Alleinstellungsmerkmal. Nach zwei Gemeindefusionsprozessen in Frankfurt-City schien es angezeigt, hier einen Neuaufbruch zu wagen. Die Weißfrauenkirche wurde unter Federführung des Diakonischen Werks zur Diakoniekirche transformiert. Das Gotteshaus wurde integraler Bestandteil eines Ensembles diakonischer Einrichtungen, die sich in ihm und in seiner Nachbarschaft befinden. Einen Tagestreff gibt es dort z.B. sowie zahlreiche Beratungsstellen und Anlaufstellen für Hilfesuchende. Die Kirche selbst, die nach der Zerstörung der Vorgängerkirche im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs 1955/56 errichtet wurde, ist zweigeschossig konzipiert. Im Erdgeschoss befinden sich ehemalige Gemeinderäume, die inzwischen zur Mittagstafel und zum Aufenthalts- und Begegnungsraum für Gäste umgestaltet wurden. Werktags kann man hier für ganz wenig Geld frühstücken, ein Mittagessen einnehmen oder sich bei einem Kaffee stärken. Ein kleine Präsenzbücherei lädt zum Schmökern ein. Tisch-Kicker und diverse Brettspiele stehen kostenlos zur Verfügung. Der eigentliche Kirchenraum im 1. Obergeschoss ist nachmittags geöffnet und bietet eine Samowar-Bar. Um die kümmert sich ein „Kirchenwächter“, der sich von Gästen auch gerne ansprechen lässt. Zumeist werden in dem großen Kirchenraum, in dem alle Bänke entfernt wurden, Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst präsentiert. Zu bestimmten Anlässen im Kirchenjahr finden festliche Gottesdienste statt, und übers Jahr verteilt ist die Weißfrauen-Diakoniekirche Gastgeberin für Workshops, Symposien, Vorträge zu gesellschaftlichen Themen. Auch für Festlichkeiten von Firmen oder Privatleuten kann sie angemietet werden.
Im Straßenbild des Bahnhofsviertels springt die Kirche erst auf den zweiten Blick ins Auge. Sie fügt sich eher unauffällig ins Quartier ein. Doch Passanten mit wachen Sensoren entdecken dann doch reizvolle Details. Sei es der frei stehende Turm, in dem es ein voll eingerichtetes Übernachtungszimmer gibt. Sei es eine drei Meter hohe bronzene Engelsfigur an der Außenwand oder die Leuchtschrift MENSCH des Frankfurter Künstlers Mirek Macke über dem Eingang.
Programmatisch bündelt dieses Kunstwerk das Konzept der Diakoniekirche: Der Mensch steht hier im Mittelpunkt – mit seinen Brüchen und Nöten, mit seiner Kreativität und seiner Empathiefähigkeit. MENSCH – dieses Leuchtzeichen im Schatten der Frankfurter Hochhäuser erin- nert auch an den, der selbst Mensch wurde und nach einem Wort des Matthäus-Evangeliums (vgl. Mt 25, 35ff) in den Bedürftigen, Kranken und Armen seine Geschwister sieht, mit denen er sich solidarisiert, damit auch ihre Mitmenschen sich ihrer annehmen.

Kirche-Sein in der Großstadt heißt auch in Stuttgart nicht zuletzt: Leuchtzeichen setzen, die zum Innehalten im Konsum- und Geschäftstrubel anregen und aufmerksam machen auf diejenigen, die es s chwer haben. Die Leonhardsgemeinde fühlt sich schon seit vielen Jahren diesem Auftrag in besonderer Weise verpflichtet. Für das jährliche Projekt Vesperkirche ist sie von Anfang an in St. Leonhard die Gastgeberin. In diesem Jahr bekam dieses zusätzlich eine Ergänzung. In der Magdalenenkapelle wurde ein Essensausgabeschalter eingerichtet, über den während des Corona-Lockdowns im Frühjahr über mehrere Wochen warme Mittagessen an Menschen mit wenig Geld ausgegeben wurden. Im Zuge der in nächster Zeit anstehenden Veränderungen in der Leonhardsvorstadt (IBA 2027) und in der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde gibt es inzwischen Überlegungen, das diakonische Profil der Leonhardskirche und -gemeinde weiter zu schärfen. So hat sich jüngst eine Arbeitsgruppezusammengefunden, die sich Gedanken macht, welches Gesicht in Stuttgart-City eine „Diakoniekirche“ haben könnte. Insbesondere steht die Frage im Raum, wie ein für die nächsten Jahre taugliches Gesamtnutzungskonzept der Leonhardskirche aussehen könnte. Dieses ist im Übrigen auch nötig, um die schon lange anhängige Innenraumsanierung der Leonhardskirche konkreter planen zu können. Die jetzt konstituierte AG steht mit ihrer Arbeit ganz am Anfang. Somit ist es z.Zt. noch völlig offen, ob wir in einigen Jahren tatsächlich auch in Stuttgart-Citywie in Frankfurt eine Diakoniekirche haben werden, in der viele Fäden diakonischer Arbeit zusammenlaufen. Die Menschen, die davon profitieren würden, gibt es jedenfalls auch in Stuttgart zuhauf.


Herzlich grüßt Sie
Ihr
Pfarrer Christoph Doll