01.09.2018 | Der Mensch

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Der Im • Puls für den Spätsommer zum Thema Mensch

Liebe Leserinnen und Leser!

„Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch“, so deklamiert der Chor in der Tragödie „Antigone“ des antiken Dichters Sophokles.

In diesem berühmt gewordenen Chorlied spiegelt sich gleichermaßen Erschrecken wie Faszination wider angesichts menschlicher Möglichkeiten und Bestrebungen. Die Kunst der Seefahrt wird besungen, das Geschick des Menschen zur Landwirtschaft und zur Jagd. Sein Drang, sich alles untertan zu machen, und seine Risikobereitschaft. Doch die Alten, die dieses Lied anstimmen, wissen auch von der Unentrinnbarkeit des Todes und den Abgründen des Verderbens, die sich auftun, wenn Menschen ungehemmt ihren Herrschafts- und Machtgelüsten folgen.

Damit sind diese Verse aus dem 5. Jh. v. Chr. brisant bis heute. Zugleich konfrontieren sie uns mit einer der großen Fragen der Philosophie und der Theologie: „Was ist der Mensch?“ Die Antworten, die darauf gegeben wurden, sind Legion. Manche lassen schmunzeln wie Erich Kästners freche Sentenz: „Die Menschen sind gut, bloß die Leute sind schlecht.“ Andere haben zeitdiagnostische Kraft wie der Befund des US-Ökonomen Henry George: „Der Mensch ist das einzige Tier, dessen Begierde steigt, je mehr sie bedient wird, das einzige Tier, das niemals befriedigt ist.“ Und wieder andere wissen nur paradox zu antworten wie der Schriftsteller Carl Amery, der formulierte: „Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, wenn er weiß, dass er sie nicht ist.“

 

Die Theatercollage MENSCH, die die freie bühne stuttgart am 12. Oktober in der Leonhardskirche präsentieren wird, fügt nun nicht einfach eine weitere Antwort hinzu, sondern stellt sich mit szenischen Mitteln der Rätselfrage nach der Tiefengrammatik der menschlichen Existenz. Was das Ensemble der Schauspielerinnen und Schauspieler darbieten wird, ist eine offener Prozess des Suchens und Entdeckens, in das auch das Publikum verwickelt werden soll.

Dass diese Aufführung in der Leonhardskirche stattfindet, ist bereits Teil der Inszenierung. Denn die Frage nach dem Menschsein des Menschen war schon immer auch eine Frage der Theologie. Zwei biblische Spuren (unter vielen) seien hier kurz in den Blick genommen. In Psalm 8,5 begegnet die große Frage „was ist der Mensch, …“ explizit. Doch sie bleibt hier nicht für sich stehen, quasi als Einladung zur eigenen Beantwortung. Sie wird vielmehr im gleichen Atemzug fortgeführt mit dem staunenden Bekenntnis: „… dass du seiner gedenkst“. Die Frage nach dem Wesen des Menschseins ist für den Beter dieses Psalms also nicht abstrakt zu beantworten. Er kann sich dieser Frage nur stellen im Staunen über den einzigartigen Beziehungsraum, in den Gott ihn gestellt hat, und in der Gewissheit: „Ich lebe alle Tage im Gegenüber zu meinem Schöpfer, der mich mit reichen Talenten geschaffen hat, damit sie zur Entfaltung kommen, mir und anderen zur Freude.“

Dem fürsorglichen Gedenken Gottes entspricht eine besondere Verantwortung des Menschen für all sein Tun und Lassen. Auch diese wird in der Bibel ausdrücklich thematisiert. Etwa in der Erzählung vom Brudermord des Kain (1. Mose 4). Sie hat in unseren Tagen eine geradezu verstörende Aktualität. Denken wir nur an den „Brudermord“ in Syrien, der sich jetzt schon jahreslang hinzieht. Nachdem Kain seinen Bruder Abel erschlagen hat, zieht Gott ihn zur Verantwortung. Er fragt ihn: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Ertappt antwortet Kain mit einer Lüge und einer Gegenfrage: „Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Diese Gegenfrage Kains wäre als bloße Ausflucht missverstanden. Hier meldet sich vielmehr – verschleiert in Fragegestalt – die Stimme seines Gewissens. Im Gegenüber zu Gott kommt ihm zu Bewusstsein, was er hätte sein sollen und doch nicht sein konnte aus Neid, aus Selbstfixierung, aus Lieblosigkeit: der Hüter seines Bruders Abel, der für ihn mit seiner ganzen Person einsteht.

 

Kains Frage hat sich nie zwischen den Buchdeckeln der Bibel einsperren lassen. Sie ließ sich nicht totschweigen und verdrängen. Sie hat Menschen in Unruhe versetzt und ermutigt, diese Frage als Gottes Auftrag an ihre eigene Adresse zu begreifen und sich schützend derer anzunehmen, die von Missgunst, Neid und blankem Hass bedroht sind. Als Christen tun wir m. E. gut daran, uns in diese Tradition zu stellen und auch unsererseits für andere einzustehen, indem wir auf die Frage „Was ist der Mensch?“ mutig antworten: „Der Hüter seiner Schwestern und Brüder“. 

Ich wünsche uns allen einen Herbst, in dem sich unser Blick für unsere Geschwister schärft und wir einander menschlich begegnen und dem Bösen widerstehen.

Ihr Pfarrer Christoph Doll