Einführung der Reformation

Der Im • Puls für die Monate November und Dezember zum Thema Reformation in Stuttgart

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Eingangsimpuls schreibe ich wenige Tage vor dem Reformationsfest 2020. In der öffentlichen Wahrnehmung spielt diese wichtige Wegmarke für die Identität evangelischer Christen in diesem Jahr kaum eine Rolle. Die täglich wachsenden Corona-Infektionszahlen lassen wenig Raum für andere Themen. Der Kontrast zum Jahr 2017, in dem die 500. Wiederkehr von Luthers Thesenanschlag in der ganzen EKD und weit darüber hinaus mit vielerlei Veranstaltungen, Gottesdiensten, Festen und einem Kirchentag begangen wurde, könnte kaum schärfer ausfallen.

Für uns als Leonhardsgemeinde ist der Blick zurück auf die Anfänge der Reformation indes 2020 keineswegs abgehakt. Im Gegenteil! Mit zwei besonderen Veranstaltungen wollen wir in den nächsten Wochen der Anfänge evangelischer Predigt in Stuttgart gedenken. Einem Mitstreiter Martin Luthers gilt dabei unsere Aufmerksamkeit, der im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts gleich zweimal als Prediger an die Leonhardskirche berufen wurde. Gebürtig aus Miltenberg am Main, trat er wie Luther in den Augustiner-Eremiten-Orden ein und kam in Tübingen mit Johann von Staupitz in Kontakt, Luthers späterem Beichtvater und Mentor. Nach vertiefenden Studien in Wittenberg und der Promotion zum Doktor der Theologie mit sich anschließenden Lehraufträgen an der Wittenberger Universität wurde Johann Mantel 1511 erstmals als Prediger an die Stuttgarter Leonhardskirche berufen. Bereits nach vier Jahren zog er nach Straßburg weiter, ans dortige Augustiner-Eremiten-Kloster.

Das intellektuelle Leben Straßburgs war damals sehr lebendig, denn viele Humanisten und Theologen verfolgten hier die Drucklegung ihrer Bücher. In Württemberg indes tat die Obrigkeit alles, um die Verbreitung von reformatorischem Gedankengut zu verhindern. Johann Mantel fand also schwierige Rahmenbedingungen vor, als er vor genau 500 Jahren 1520 abermals nach Stuttgart an seine alte Wirkungsstätte berufen wurde. Als reformatorisch inspirierter Theologe mit wichtigen Erfahrungen aus Wittenberg und Straßburg im Hinterkopf war es für ihn eine heikle Balanceaufgabe, in St. Leonhard so zu predigen, dass er nicht mit der Obrigkeit in Konflikt geriet. Doch gegen seine theologischen Einsichten konnte und wollte er auf Dauer nicht agieren. Wann genau Mantel begann, ungeschminkt die lutherische Lehre zu vertreten, ist leider nicht bekannt. Belegt ist aber, dass es im Jahr 1523 zu einem Eklat kam. Mantel hatte eine sozialkritische Predigt riskiert, in der er im Rückgriff auf alttestamentliche Bestimmungen zum sogenannten „Erlassjahr“ einen umfassenden Schuldenerlass forderte. Die Stuttgarter Obrigkeit erkannte natürlich sofort, welche Sprengkraft darin lag. Mantel wurde verhaftet und auf der Burg Hohennagold festgesetzt. Lange Zeit wusste man nicht, ob „Doctor Mantel todt oder lebendig“ sei. Erst 1525 kam er frei und wechselte nach diversen Zwischenstationen auf eine Pfarrstelle in Elgg in der Schweiz. Dort starb er 1530.

An diesen mutigen Mann, der als Erster in Stuttgart evangelisch predigte – und zwar schon vor der Einführung der Reformation in Württemberg im Jahr 1534 – erinnern wir mit einem Gottesdienst am 2. Advent (6.12.), in dem Prälatin Gabriele Arnold predigen wird, und mit einem kirchengeschichtlichen Vortrag, für den wir den ehemaligen Direktor des Landeskirchlichen Archivs Prof. Dr. Hermann Ehmer gewinnen konnten. Das Thema seines Vortrags lautet: „Vor 500 Jahren: Johann Mantel, Prediger zu St. Leonhard als Vorläufer der württembergischen Reformation.“ Leider kann dieser Vortrag nun aber pandemiebedingt nicht, wie ursprünglich geplant, in der letzten Novemberwoche statfinden. Wir wollen den Vortrag aber zu einem späteren Termin nachholen.

Die Corona-Problematik zwingt uns außerdem dazu, beim Gottesdienst die Teilnehmerzahl auf 75 Personen zu begrenzen. Melden Sie sich also bitte für den 2. Advent zuvor im Gemeindebüro telefonisch oder per E-Mail an.

Viel Kraft und Geduld für die kommenden Wochen und trotz der Pandemie Vorfreude auf die Adventszeit wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Christoph Doll