01.11.2018 | Reflektionen zum Ewigkeitssonntag

Waldfriedhof Heidenheim / Foto: privat

Liebe Leserinnen und Leser,

zu den besonderen Orten Stuttgarts gehört für mich der Fangelsbachfriedhof. Unzählige Male habe ich ihn im Lauf dieses Jahres aufgesucht. Manchmal dienstlich, wenn ich dort ein Gemeindeglied zu bestatten hatte. Öfter aber aus freien Stücken bei Spaziergängen. Jedes Mal, wenn ich den Friedhof betrat, hatte ich das Gefühl: Hier tritt das Getriebe der Großstadt zurück. Hier trete ich ein in eine Sphäre mit anderen Rhythmen. Hier schwingen die Gedanken weiter aus als sonst. Das, was wirklich zählt im Leben, bekommt hier Raum. Die Erinnerung an Menschen z.B., die mein Leben geprägt haben und immer noch prägen, auch wenn sie schon lange begraben sind. Etappen des gemeinsamen Weges werden wieder lebendig. Mühelos springe ich durch Jahre und Jahrzehnte. Dankbarkeit überkommt mich für kostbare Begegnungen. Doch umso mehr macht sich auch die Lücke bemerkbar, die der Tod wichtiger Bezugspersonen in mein Leben gerissen hat. Auch wenn der Abschied schon Jahre zurückliegt, schmerzt so mancher Verlust noch immer. Und die Einsicht drängt sich ins Bewusstsein: Der Tod ist ein Räuber. Er hat dich ärmer gemacht. Was er dir genommen hat, lässt sich nicht ersetzen. Ich verstehe deshalb nur zu gut, dass es manchen Menschen schwerfällt, auf den Friedhof zu gehen. Die Bitterkeit erlittener Verluste ist für mich aber längst nicht alles, was sich mir auf dem Friedhof aufdrängt.

Über uralte Baumriesen zwischen den Gräbern z.B. muss ich immer wieder staunen. Und auch an manchem Grabstein bleiben meine Blicke haften. Ich lese Namen und Lebensdaten und lasse die höchst individuell gestaltete Bepflanzung auf mich wirken. Großen Namen aus der Vergangenheit begegne ich dabei wie Albert Knapp und Gustav Siegle. Ich versuche das Stuttgart von damals zu imaginieren und frage mich: Was hat diese Toten umgetrieben? Was hat sie glücklich gemacht und beschwert? Welche Ziele haben sie sich gesetzt? Und wie stand es um die Mischung aus Erfolgen und Niederlagen, Gelingen und Scheitern? Unversehens bin ich dann auch wieder bei mir selbst und prüfe mich: Wie bist du unterwegs? Was erhoffst du noch? Was empfindest du als sinnvoll und was als nichtig? Wie gehst du um mit deinen allemal begrenzten Ressourcen Zeit und Kraft? Für was nimmst du dir Zeit? Wofür meinst du keine Zeit zu haben? Kannst du das so bejahen? Oder ist dringend eine Korrektur angezeigt?

So schmerzlich solche Fragen sein können, Friedhofsgänge haben für mich immer etwas Heilsames. Es sind Augenblicke der Besinnung. Sie helfen mir Abstand zu gewinnen zur manchmal blinden Alltagsgeschäftigkeit. Und ich werde mir bewusst, in welch starkem Maße ich von Unverfügbarem lebe und wie kostbar jede Stunde meines Lebens ist. Als von Gott geschenkte Zeit nehme ich sie zugleich wahr, die nach unseren Uhren endliche Zeit ist, die Gott aber eingepasst hat in seine Gegenwart, die kein Ende hat. Paulus hat das im Römerbrief so formuliert: Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. (Rö 147ff)

Dass auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, ins Kraftfeld dieser Gewissheit geraten auf ihren Friedhofsgängen in diesen Wochen und auch bei unseren Gottesdiensten im November, wünscht Ihnen von Herzen

 

Ihr Pfarrer Christoph Doll