21. Juli 2019 | Reflektionen zum Wiederaufbau

Silberne Taufschale aus dem Barock, © Leonhardsgemeinde

Der Im • Puls für Juni und Juli mit Einladung zu unserem Gedenkgottesdienst

Liebe Leserinnen und Leser,

zu den eindrucksvollsten Inventarstücken der Leonhardskirche gehört das Fragment einer kunstvoll gearbeiteten Silberschale aus der Barockzeit. In einer Vitrine unserer Kirche ist sie ausgestellt zusammen mit historischen Fotografien aus dem Sommer 1944. Es handelt sich um die Taufschale der alten Leonhardskirche, die bis zu den verheerenden Bombenangriffen auf die Stuttgarter City vor 75 Jahren in Gebrauch war. Im Feuersturm, der die Leonhardskirche Ende Juli 1944 in großen Teilen zerstörte, wurde sie unter Trümmern begraben. Infolge der Hitzeeinwirkung schmolz das Silber teilweise. Ein Stück der Schale brach ab und ging verloren. Umso erstaunlicher, dass das erhaltene Bruch- stück in den Trümmermassen entdeckt wurde. Dies spricht für die Sorgfalt, mit der die ehrenamtlichen Aufräumhelferinnen und -helfer ans Werk gingen, die gleich nach Kriegs- ende damit begannen, den Schutt in der Kirchenruine zu sortieren und abzutransportieren. Ohne ihr selbstloses Engagement wäre es nicht möglich gewesen, den Wiederaufbau der Kirche schon im Jahr 1950 abzuschließen.

Die gerettete halbe Taufschale ist ein denkwürdiges Objekt. Ungewöhnlich schon die künstlerische Gestaltung. Der Rand dieser Taufschale ist mit Früchten üppig verziert, die an paradiesische Fülle denken lassen. Ihren Boden schmückt ein Relief, das zwei Obst einsammelnde kleine Kinder unter Bäumen zeigt. Ganz unbekümmert scheinen sie sich des Lebens zu freuen. Vielleicht dachte der Silberschmied bei der Anfertigung an die biblische Erzählung vom Garten Eden und wollte so zum Ausdruck bringen: Getauftwerden bedeutet: Anteil erhalten an Gottes reichem Segen; die Tür zum Paradies wieder aufgeschlossen bekommen. Theologisch ist die Taufe indes noch sehr viel reicher an Motiven. So war es etwa dem Apostel Paulus wichtig, die Taufe als Mitsterben mit Christus und als ein Auferstehen mit ihm zu denken (vgl. Röm 6). Der Taufakt bringt demnach zum Ausdruck: Christus hat sich mit dir verbunden und ist dir ganz nahe, wo immer dich dein Weg hinführt. Seien es Erfolge und freudige Ereignisse oder Katastrophen wie z.B. Krieg, schwere Krankheit, Erfahrungen des Scheiterns oder bittere Verluste. Ein sehr realistischer Blick auf unser Leben ist das. Denn wer kommt schon an Dunklem und Bedrängendem vorbei. Wie gut deshalb, bei der Taufe zugesprochen zu bekommen: Gott unterbricht die Dynamik des Unheils und ermöglicht Aufbrüche, die alles Erwartbare übersteigen! Mich erinnert das aus den Trümmern geborgene Fragment zudem an einen bekannten Taufspruch aus dem Jesajabuch, wo es heißt: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.“ (Jes 43, 1f)

Wenn Sie unsere „versehrte“ Taufschale selbst in Augenschein nehmen wollen, bietet sich dafür unser Gedenkgottesdienst am 21. Juli um 10 Uhr besonders an. Auf Ihr Kommen freut sich

 

Ihr Pfarrer Christoph Doll und
der Kirchengemeinderat der Leonhardsgemeinde