01.07.2018 | Über die Liebe

Abbey Road | Foto: privat

Der Im • Puls für die Sommermonate Juli und August zum Thema Liebe

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Straßencafés und Eisdielen erfreuen sich in diesen sommerlichen Tagen noch bis spät am Abend regen Zulaufs. Gleiches gilt für Grünanlagen, in denen sich u.a. auch Liebespaare tummeln. Wie schön es ist, verliebt zu sein, das zeigen sie ganz ungeniert. Manch einer, der sie so sieht, spürt leise Neidgefühle in sich aufsteigen; gepaart mit der Erinnerung an eigenes Liebesglück: Wie war das herrlich damals, als wir uns kennenlernten! Wie unvergesslich unsere Entdeckung der vielen Sprachen der Liebe! Und jetzt? Alles verblasst! Mehr als ein Nachleuchten ist nicht geblieben. Neue Begegnungen folgten, neues Verlieben, neues Wagnis zu zweit. Und abermals die gleiche Erfahrung: Das Feuer des Anfangs lässt sich nicht bewahren. Unvermeidlich die Einsicht: Wie zerbrechlich und wie flüchtig ist doch die Liebe! Wie schwer, sie durch Jahre und Jahrzehnte zu retten!


Der biblische Monatsspruch für August „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Joh 4, 16), rückt unsere manchmal bitteren Erfahrungen mit der Liebe indes in ein anderes Licht. Er weitet unseren Blick und unsere Wahrnehmung. Denn alle zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen werden hier eingerückt in das Kraftfeld von Gottes Zuwendung, in den Kommunikationsraum seiner Liebe. Die Spitzenaussage „Gott ist Liebe“ wird damit zum Vorzeichen vor dem Notensystem, in dem alle Lieder notiert sind, die von unseren Erfahrungen mit der Liebe singen und von unseren Liebessehnsüchten. Das bedeutet dann aber auch: Wir sind in unseren Versuchen, liebevoll mit anderen umzugehen, nie nur auf uns gestellt. Dass Liebe Gestalt gewinnt, ist keine Aufgabe, der wir aus eigenem Vermögen gerecht werden könnten. Liebe lebt stets von Unverfügbarem. Darum tun wir gut daran, uns nicht abhängig zu machen von der Resonanz, die wir bei anderen finden. Denn wenn Gott seine Liebe in seinem Sohn zur Welt brachte, dann ist es unangebracht zu sagen: „Mich liebt keiner!“ oder: „Liebe, das ist für mich eine Geschichte des Scheiterns!“ Erfahrene Liebe und liebevolle Zuwendung unsererseits – das sind, im Licht des christlichen Glaubens betrachtet, nämlich allemal nur aufblitzende Sterne einer unendlich vielgestaltigen „Liebesgalaxis“, in der plötzlich auch dort Sterne und Kometen auftauchen können, wo wir sie nie vermuten. In der Liebe bleiben könnte somit auch heißen: Ich vertraue darauf, dass Liebe das „Hintergrundleuchten“ ist, vor das Gott das Leben von uns allen gerückt hat. Ich lasse mich nicht ein auf engstirniges Abrechnen nach dem Motto: Hat der oder die meine Liebe verdient? Was kriege ich von ihm / von ihr zurück? Vielmehr schärft die Gewissheit, dass Gottes Liebe präsent ist, meine Wahrnehmung. Da entdecke ich auch an anstrengenden Zeitgenossen liebeswerte Seiten. Oder ich erkenne in einem missratenen Geburtstagskuchen gleichwohl ein Zeichen der Wertschätzung.

Zum Bleiben in der Liebe gehört deshalb ganz wesentlich: mit der Liebe niemals abschließen; sich selber und sein Herz nicht abschließen; mit Überraschungen rechnen am Sternenhimmel von Gottes Liebe.

 

Viele davon wünscht Ihnen in diesem Sommer Ihr


Pfarrer Christoph Doll