Gedanken zur Jahreslosung

© Verlag Am Birnbach / Stefanie Bahlinger

Der Im • Puls für die Monate Januar und Februar über die Fähigkeit zur Emphatie

Liebe Leserinnen und Leser,


zu Beginn dieses Jahres fragen nicht nur junge Leute immer öfter: „Wann liegt die Corona-Pandemie endlich hinter uns? Wann finden wir zurück in ein Leben, in dem es nicht mehr leichtsinnig ist, jemanden zu umarmen oder einen Geburtstag in größerer Runde zu feiern? Wann bekommt unser Alltag wieder mehr Farbe und Würze? Wann öffnen endlich wieder Restaurants, Theater, Kinos, Museen, Sportstätten, Friseursalons etc.? Wann ist wieder eine Reise möglich ohne Quarantäne im Anschluss?


Fragen über Fragen allenthalben und niemand, der darauf eine klare Antwort zu geben vermag. Wie auch, denn die Situation ist beispiellos und entlarvt alle Machbarkeitsphantasien, denen viele in den letzten Jahren verfallen sind, als Seifenblasen. „Wir werden die Lage in den Griff bekommen, wir brauchen nur noch Geduld und weiter viel Disziplin“, vernehmen wir aus dem Mund der politischen Entscheider. Doch stimmt das? Ist neben Geduld und beharrlicher Beachtung der verordneten Regeln nicht noch sehr viel mehr und Anderes nötig in der aktuellen Situation?
Die Jahreslosung für 2021 lenkt unseren Blick jedenfalls in eine andere Richtung. Es handelt sich bei diesem ausgelosten Bibelwort um einen ganz knappen und pointierten Satz Jesu, den uns der Evangelist Lukas überliefert:
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist." (Lk 6, 36)
Das Wort, das hier gleich zweimal auftaucht, ist im heutigen Alltagsdeutsch kaum mehr gebräuchlich. „Das ist
altmodisches Kirchen-Deutsch", hörte ich neulich einen Studenten sagen. Umso wichtiger erscheint es mir, dieses exotisch gewordene Wort „barmherzig" etwas genauer zu bedenken. Denn wenn Jesus Barmherzigkeit als einen Wesenszug Gottes herausstellt und seinen Zuhörern empfiehlt, Barmherzigkeit als Grundhaltung auch ihrerseits einzuüben, dann lohnt sich die Frage allemal: Was ist damit gemeint?


Wie ein Blick ins etymologische Wörterbuch rasch zeigt, sind Menschen, die anderen barmherzig begegnen, in ihren Empfindungen besonders durchlässig für das, was andere beschwert, traurig macht oder leiden lässt. Es sind Frauen und Männer, die das Leid anderer mittragen und mitfühlen, es sich zu Herzen nehmen. Nicht weil sie gerne im Leid anderer baden, sondern weil sie Verantwortung spüren, Leid zu lindern und – sofern möglich – zu überwinden. Wer anderen barmherzig begegnet, zeigt sich also zur Empathie fähig. Für ihn oder sie gibt es noch mehr als nur die eigenen Interessen und Lebensziele. Nicht die Devise steht für sie im Vordergrund: „Hoffentlich kann ich bald wieder unbesorgt in den Flieger steigen und reisen wie früher." Eher der Leitgedanke: „Wie kann ich im Hier und Heute so leben, dass meine Gaben, Ressourcen und Kenntnisse auch anderen zugutekommen?" Jesu Aufforderung „Seid barmherzig!" verstehe ich deshalb auch als scharfe Kritik an allen Formen der „Selbstversessenheit". Doch sie kommt nicht moralisch daher. Sie erinnert vielmehr daran, wovon wir immer schon leben: von Gottes Barmherzigkeit nämlich, von seiner Unfähigkeit wegzuschauen, wo Unrecht oder brutales Machtgebaren, wo Krankheit, Tod und Armut Leid über Menschen bringt und sie ins Elend stürzt. All das jammert ihn, so dass er interveniert. Zeichenhaft haben das Blinde, Hungrige, Besessene und Trauernde erlebt, die Jesus begegnet sind, so lesen wir im Neuen Testament. Ihr Geschick hat ihn im Herzen berührt. Und sie staunen darüber, dass aussichtslose Situationen eine ungeahnte Wendung nehmen und sie aus ihrer Isolation befreit werden. Eben darüber können nicht wenige Menschen auch in unseren Tagen staunen, Gott sei Dank.


Welch eine Ermutigung, auch unsererseits hellhörig zu werden für das, was andere brauchen, und so über uns selbst hinauszuwachsen!


Einen zuversichtlichen und behüteten Weiterweg durch diesen Corona-Winter wünscht Ihnen


Ihr

Pfarrer Christoph Doll