Raum für Neues

© te

Der Im • Puls für die Monate August und September mit Gedanken zum Thema Veränderung

Liebe Leserinnen und Leser,

vor einiger Zeit schnitt ich bei der Zeitungslektüre einen kleinen Artikel aus, der einer Stuttgarter Mitbürgerin zu ihrem 100. Geburtstag gewidmet war. Vorangestellt ist als Lebensmotto der rüstigen Seniorin der Satz: „Alt wird man erst, wenn man anfängt aufzuhören und aufhört anzufangen.“ Zur Illustration wird berichtet, dass die Jubilarin mit 90 Jahren den Impuls spürte, endlich schwimmen zu lernen. Ihr Wille war so stark, dass es nicht bei einem Wunschtraum blieb. Inzwischen kann sie schwimmen.

Neues ausprobieren, sich auf unbekanntes Terrain vorwagen – das gehört für viele Menschen auch zum Sommerurlaub. Manche besteigen einen anspruchsvollen Gipfel in den Alpen. Andere springen unermüdlich auf ein wackeliges Surfbrett und nehmen hin, dass sie anfangs kaum die Balance halten können und ständig ins Wasser fallen. Sprachbegeisterte buchen vielleicht einen Sprachurlaub und freuen sich darauf, vor Ort ein bisschen Portugiesisch oder Holländisch zu lernen. Und schon Schulkinder brennen manchmal darauf, sich in den Ferien neue Fertigkeiten anzueignen. In dem Anspiel, das meine Reli-Schülerinnen und -Schüler der 4. Klasse im Schuljahrsschlussgottesdienst darboten, war das z.B. ein Mädchen, das einem Tauchkurs entgegenfieberte. Vor dem Abflug ans Rote Meer träumt sie lebhaft und in einem Albtraum machen sich untergründige Ängste vor dem Tauchen bemerkbar. Mitten in der Nacht wacht sie auf, reibt sich die Augen und sagt nach einer Weile entschlossen zu sich selbst: „Tauchen lerne ich aber trotzdem!“ 

Den Mut, Neues zu wagen und Bisheriges hinter sich zu lassen, braucht in nächster Zeit auch unsere Kirchengemeinde, zumal im Zugehen auf die Kirchenwahl am 1. Advent. Kirche lebt zwar unbestreitbar in starkem Maß von der Tradition: der biblischen Überlieferung z.B., vom Schatz der Gesangbuchlieder, von gewachsenen Gottesdienstformen etc. Gleichwohl ist ihr nicht aufgetragen, Gewordenes permanent fortzuschreiben nach der Devise: „Das war hier immer so!“ Kirche war von ihren Anfängen an „Kirche unterwegs“, in der Ererbtes weiterentwickelt und manches auch verabschiedet wurde, weil es seine Zeit hatte. Denn nur dort, wo auch etwas losgelassen wird, entsteht Freiraum für Neues. Solchen Mut zum Loslassen und Ausprobieren von Neuem wünsche ich mir für unsere Gemeinde in nächster Zeit sehr viel stärker als bisher. Was spricht z.B. dagegen, an einem Sommersonntag, an dem nur wenige den Weg zum Gottesdienst in die Leonhardskirche finden, zur Abwechslung mal im Chorraum zu feiern, so dass sich gleichwohl (nicht nur beim Singen) ein gutes Gemeinschaftsgefühl ergibt und auch der Abstand zur Pfarrerin/ zum Pfarrer geringer wird? Weshalb nicht auch ab und zu experimentieren mit den Gottesdienstzeiten? Und warum nicht neue Gottesdienstformate erproben? Wie alle Veränderungen sind auch solche Aufbrüche von Ängsten und Unsicherheiten grundiert. Aber wer sich immer nur ans Althergebrachte klammert, büßt auf Dauer an Lebendigkeit ein und wird, wie die oben erwähnte 100-Jährige zurecht betont, alt und starr. Hoffnungsvoll stimmt mich darum ein Wort aus dem Jesaja-Buch, das zeigt, dass Gott selbst in hohem Maße innovativ ist, ohne seine Verlässlichkeit aufzugeben. Seinem Volk ruft er zu: „Von nun an lasse ich dich Neues hören und Verborgenes, das du nicht schon wusstest“ (Jes 48. 6c). Das Echo dieser Verheißung klingt bis in unsere Tage weiter und macht Lust, ihm zu lauschen und mancherlei fröhlich zu wagen: auf Risiko und in der Haltung, dass Korrekturen immer möglich und oft nötig sind. 

Einen Sommer, der Ihnen viel Raum für Neues bietet, wünscht Ihnen 

 

Ihr Pfarrer Christoph Doll