Gedanken zur Osterzeit

Der Im • Puls für die Monate April und Mai zum Thema Lebensmut

Liebe Leserinnen und Leser,

zu den Orten in unserer Lebenswelt, in denen Echos der neutestamentlichen Passions- und Ostertradition Tag für Tag besonders eindringlich vernehmbar sind, gehört das Krankenhaus. Wer eine Klinik betritt, sei es als Patient oder als Besucherin, registriert bereits im Eingangsbereich, wie viele höchst unterschiedliche Krankheits- und Leidensgeschichten, aber auch Genesungs- und Heilungserfahrungen die Menschen mit sich tragen, die hier ein und aus gehen. Manch einer fühlt sich beim Eintreten in den Riesenbetrieb eines Großklinikums verloren. Orientierung tut not, um nicht in die Irre zu gehen. Doch beinahe noch wichtiger sind freundliche Signale einer Person, die sich hier auskennt und intuitiv erspürt: Da hat einer große Angst vor einer Untersuchung oder einer Operation. Da schleppt sich jemand mit letzter Kraft herein und wirkt total niedergeschlagen. Glücklicherweise gibt es in etlichen großen Krankenhäusern solche feinfühligen Menschen, die sich bisweilen schon in der Eingangshalle bereithalten und auf Hilfesuchende zugehen – mit freundlicher Miene, warmer Stimme und sehr behutsam. Man nennt sie die „Grünen Damen und Herren“. Ehrenamtliche sind das, die sich verbindlich für mehrere Stunden in der Woche in einer Klinik um Patientinnen und Patienten kümmern jenseits medizinischer Fachbetreuung. Manche ziehen mit einem Bücherwagen durch die Stationen, geben Lektüretipps und kommen dabei oft in gute Gespräche mit den Patienten. Andere schauen einfach so in den Krankenzimmern vorbei, bieten sich als Gesprächspartner an, hören konzentriert zu und lassen manchmal auch von sich und ihrer Lebenserfahrung etwas durchscheinen, was Mut macht. Bei einem Klinikaufenthalt habe ich selbst erlebt, wie viel Kraft in solchen unvermuteten Begegnungen am Krankenbett liegen kann. Das Kreisen der eigenen Gedanken wird unterbrochen. Das verdüsterte eigene Gemüt hellt sich auf und die Lebendigkeit des Gegenübers steckt an, springt über. 

In den Ostergeschichten des Neuen Testament wird an mehreren Stellen von Menschen erzählt, denen der Auferstandene begegnet ist und die diese Erfahrung nicht für sich behalten können. „Wir haben den Herrn gesehen!“ (Joh 20,25) ruft z.B. eine Schar von Jüngern Jesu voller Begeisterung, als ihr Genosse Thomas nach einer Zeit der Abwesenheit wieder zu ihnen stößt. Thomas merkt: Die haben eine Erfahrung gemacht, die sie völlig umgekrempelt hat. Lebensenergie pur schallt ihm mit diesem Ruf entgegen. Ob er sich danach sehnt, selbst auch umgekrempelt zu werden? Das erzählt der Evangelist Johannes nicht. Der stellt Thomas als Zweifler hin, der verwandelnde Lebendigkeit mit dem Rabbi, den man eben erst gekreuzigt hat, nicht in Verbindung bringen kann. Doch etwas später erschließt sich ihm in einer eigenen Begegnung mit dem Auferstandenen: Die Martermale des ans Kreuz gehängten Körpers Jesu sind zugleich Hoffnungszeichen, die begreiflich machen, dass Gottes Lebendigkeit sich wunderbarerweise manchmal sogar dort erspüren lässt, wo üble Wunden klaffen. 

Was also ist kostbarer, als mit Menschen in Kontakt zu kommen, die Lebendigkeit ausstrahlen mit ihrer ganzen Körperhaltung, mit ihrer Miene, dem Klang ihrer Stimme und mit Worten, in denen als Echo mitschwingt: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Möge das Osterfest auf diese Weise auch in Ihr Leben hineinleuchten!

Ihr Pfarrer Christoph Doll