19. April 2019 | Karfreitag - Gedanken zur Passionszeit

Festnahme Jesu, Caravaggio 1602 Quelle: Wikimedia Commons

Der Im • Puls für die beiden Monate April und Mai und kommt diesmal von unserem Kirchengemeinderat Hans-Martin Trichtinger.

Liebe Leserinnen und Leser,

vielleicht kennen Sie ja das Gemälde „Der Judaskuss“ von Caravaggio. Das Bild ging seinerzeit durch die Presse; es wurde nämlich aus einem Museum gestohlen und dann spektakulär durch eine Einheit der GSG 9 wieder sicher- gestellt. Nun, dieses Gemälde thematisiert den Anfang des Leidensweges Christi – nämlich den sogenannten Verrat, der durch einen Kuss besiegelt wurde.

Wir befinden uns in der Passionszeit und der Name Judas Ischkariot, Judas aus Kariot, ist mit dem Geschehen um Jesus – Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung – unmittelbar verbunden. Exegesen der „Judas-Geschichte haben sich Jahrhunderte damit beschäftigt, die Figur des Apostels theologisch zu beleuchten und zu durchdringen. So wurde u.a. über Jahre hinweg ein Judasbild geformt, das alles Negative und Böse in sich vereinte – Judas Ischkariot wurde zum Bild des habgierigen, verräterischen, bösartigen Juden, versehen mit den bekannten äußerlichen charakteristischen Attributen.

Der Judas bei Caravaggio ist anders. Dieser Judas umarmt seinen Meister, sein Gesicht ist dem seines Meisters nahe. Den Erkennungskuss hat er ihm wohl schon gegeben. Jesus wirkt abgeklärt, die Finger wie im Gebet ineinander verschlungen, den Blick nach innen gekehrt, die Leiden schon antizipierend. Eine stille und doch bedrückende Szene. Das Männerpaar wirkt ruhig, im Gegensatz zu der sie umgebenden Szene – zugreifende Soldaten und flüchtende Jünger.

Die Mienen der Protagonisten scheinen ein Einvernehmen auszudrücken. Sie sind beide Teil des Heilsplanes Gottes, wobei Judas die Rolle des aktiven Initiators der Passionsgeschichte zugedacht ist, so wie es im griechischen Originaltext heißt: er ist der „Überbringer“. Er übergibt Jesus den Soldaten und überantwortet ihn der römischen Justiz. Das „Ostergeschehen“ nimmt seinen Verlauf.

Diese „aktivische“ Haltung des Judas nimmt auch der kürzlich verstorbene Amos Oz in seinem Buch „Judas“ auf. Er lässt seinen Protagonisten, der eine Arbeit über „Jesus in der Perspektive der Juden“ anfertigen soll – und sich dann bei „Judas“ verliert – die These vertreten, dass, „während Jesus immer Jude geblieben ist, Judas eigentlich der erste Christ war: derjenige, der Jesus drängte, eine neue Religion zu gründen, und der deshalb auch die Kreuzigung inszeniert hat, auf dass sich Jesus vor aller Welt als Gottes Sohn zeigen sollte“. Judas, so der Protagonist des Romans, hilft somit bei der Festsetzung und bewirkt letztendlich die anschließenden Kreuzigung Jesu, weil er, Judas, der festen Überzeugung ist, dass Jesus vom Kreuze steigt und damit seine Gottessohnschaft bezeugt.

Nun, Jesus ist nicht vom Kreuz gestiegen; er ist den Kreuzestod gestorben, am 3. Tage aber wieder auferstanden und hat sein Erlösungswerk vollbracht.

Für die, die in Judas weiterhin den Verräter sehen wollen, hier ein Gedichtauszug von dem Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti: „Schöner Judas .... ach was war dein einer Verrat gegen die vielen der Christen der Kirchen, die dich verfluchen. Ich denke dir nach und deiner tödlichen Trauer, die uns beschämt.“

Mit diesen Gedanken zu Judas wünsche ich Ihnen eine nachdenkliche Passionszeit. Buchempfehlung: Amos Oz: Judas

 

Ihr Prädikant und KGR Hans-Martin Trichtinger