Passionserzählungen der Evangelien und österliche Hoffnung

Foto: Christoph Doll

Der Im • Puls für die Monate März und April

Liebe Leserinnen und Leser,


zu den Kostbarkeiten der alten Leonhardskirche, die nach den verheerenden Bombenangriffen vom Juli 1944 aus den Trümmern geborgen wurden, gehört ein Gewölbeschlussstein mit dem Motiv des sogenannten „Schmerzensmannes“. Seinen Ort hatte der aus rötlichem Sandstein gearbeitete Reliefstein ursprünglich im nördlichen Seitenschiff. Heute hingegen ist er in die Südwand der Kirche eingelassen und zwar auf Augenhöhe der Besucherinnen und Besucher.
Der mittelalterliche Steinmetz, der diese ausdrucksstarke Halbfigur geschaffen hat, wählte als Sujet den gekreuzigten Christus. Der entblößte Oberkörper weist zwischen den Rippen deutlich erkennbar die Seitenwunde auf, die ihm nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums mit einer Lanze beigebracht wurde. Seine segnend erhobene rechte Hand weist ein Nagelmal auf.

Ungewöhnlich am Bildtypus des Schmerzensmannes ist, dass der Gekreuzigte nicht als Leichnam gezeigt wird, sondern aufrecht stehend mit offenen Augen, die den Betrachter anschauen. Es entsteht der Eindruck einer denkwürdigen Gleichzeitigkeit: Da steht einer vor uns, den man erst gefoltert und dann schmach- voll am Kreuz hingerichtet hat. Doch zugleich ist dieser von Schmerz und Leid Gezeichnete höchst lebendig. Sein Körper ist voller Spannung. Seine Miene strahlt eine starke Präsenz aus und sein Blick ist wach. Steht man vor diesem Relief, fühlt man sich von diesem Blick beinahe fixiert und zu einer stillen Zwiesprache aufgefordert. Wer dieser Einladung folgt und sich dem Sog der Figur überlässt, ist unversehens verwickelt in die Passionserzählungen der Evangelien; der hat die Stationen vor Augen, die der Kreuzigung Jesu vorausgingen: das letzte Mahl im Jüngerkreis, seine Angst im Garten Gethsemane, die nächtliche Verhaftung, die Stunden des Verhörs, seine Entkleidung und Geißelung, seine Verhöhnung mit Purpurmantel und Dornenkrone, der Weg hinaus nach Golgatha und dort sein qualvolles Sterben am Kreuz. Das Motiv des Schmerzensmannes in der Kunst des Mittelalters ist aber mehr noch als nur Erinnerung an den Leidensweg Jesu. Früh schon hat man geglaubt, in ihm zudem Anspielungen auf den leidenden Gottesknecht zu erkennen, von dem es in Jes 53 heißt: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit.“ Als Andachtsbilder wurden Darstellungen des Schmerzensmannes zugleich auch meditiert als Spiegelbilder eigener Leid- und Leidenserfahrungen in all ihren unzähligen Facetten. Wer heute in der Leonhardskirche vor dem geretteten Schlussstein verweilt und seinen Gedanken freien Lauf lässt, wird vielleicht mit ähnlichen Erfahrungen konfrontiert und dabei der eigenen Verletzlichkeit und Sterblichkeit neu gewahr. Doch Schmerzensmann-Darstellungen führen uns nicht nur Traumatisierungen aller Art vor Augen. Aus ihnen leuchtet uns auch österliche Hoffnung entgegen. Ins Bild gerückt ist hier auch Gottes Protest gegen Leid und Tod. Der goldene Nimbus, der das Haupt Christi auf unserem Schlussstein umgibt, vermittelt eine Ahnung davon, dass dieser Gezeichnete gleichwohl verbunden ist mit der Sphäre Gottes. Dass selbst im Todesdunkel auf Golgatha die Verbindung zwischen dem Mann am Kreuz und Gott nicht durchtrennt wurde. Angedeutet scheint durch die segnend erhobenen Arme Christi außerdem: Wo nach menschlichem Ermessen alles zu Ende ist, will Gott euch berühren mit seiner Kraft. Er hält zu euch – sogar im Sterben – und macht auch euer Grab zu etwas Vorletztem. In einem einzigen Bild steht uns somit gebündelt vor Augen, was die Sonn- und Feiertage der Passionszeit und vor allem auch das Osterfest mit je eigener Akzentuierung entfalten.


Seien Sie deshalb herzlich eingeladen zu unseren Gottesdiensten in den kommenden Wochen! Denn die geben Ihnen Gelegenheit, dem lebendigen Christus auf die Spur zu kommen und selbst den hier ab- gebildeten Schlussstein in Augenschein zu nehmen. Wenn Sie das am Vormittag tun, stehen die Chancen gut, dass die Sonne durch die Südfenster hereinfällt und Sie ahnen lässt: Die Ostersonne leuchtet – auch mir.


Herzlich grüßt Sie

Ihr
Pfarrer Christoph Doll