Das Stadtteilhaus hat ein Jubiläum!

Das hätte ein schönes Jubiläumsjahr 2020 für das Stadtteilhaus Mitte werden können! Auf das ganze Jahr verteilt waren 3 Veranstaltungen zum 20-jährigen Bestehen des Stadtteilhauses Mitte geplant, die den unterschiedlichen Zielgruppen des Stadtteilhauses gerecht werden sollten

Im März sollte eine sonntägliche Matinee stattfinden, an der sich alle Gruppen und Kreise des Hauses hätten vorstellen und präsentieren können. Insbesondere Eltern und Freunde waren gespannt auf die Performances der kleinen wie großen Teilnehmer*innen des vielfältigen Kursangebotes des Stadtteilhauses. Eine kleine Diashow sollte einen Gang durch die 20-jährige Geschichte des Hauses machen und zudem einen Überblick über die stetige Weiterentwicklung des Stadtteilhauses geben.
Im Sommer sollten dann zum Stadtteil- und Gemeindefest nicht nur Kooperationspartner und Wegbegleiter des Hauses eingeladen, sondern auch ein zünftiges Fest mit vielen Akteuren und Auftritten begangen werden. Doch auch daraus wurde nichts. Und auch der für die vielen hauptamtlichen Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen der Kinder- und Jugendeinrichtungen in Stuttgart Mitte geplante Fachtag zur Quartiersentwicklung und Vernetzung im Stadtteil, der im Herbst hätte stattfinden sollen, fiel der Corona-Pandemie zum Opfer.

Was also bleibt von all den geplanten Veranstaltungen? Und wie kann dennoch eine 20-jährige überaus erfolgreiche Arbeit des Stadtteilhauses Mitte eine angemessene Würdigung finden?
Begeben wir uns auf eine Zeitreise ins Jahr 1996. Damals wurde in der Stadtteilrunde der Kinder- und Jugendeinrichtungen des Stadtbezirks Stuttgart Mitte beschlossen, eine Konzeption für ein Stadtteil- und Familienzentrum zu entwerfen, das im Wesentlichen das Stadtquartier vom Österreichischen Platz bis zum Charlottenplatz abdecken sollte. 3 Jahre später, im September 1999, konnte das Stadtteilhaus seine Pforten erstmals öffnen und startete bereits mit einem umfangreichen Angebot.
Zugegeben, es dauerte eine Weile bis jene Gemeindeglieder überzeugt waren, die anfänglich befürchteten, die Einrichtung eines Stadtteilhauses in „ihrem“ Gemeindehaus gehe zu Lasten der Gemeindeveranstaltungen. Erst nach und nach wurden auch die Chancen realisiert, die mit der Einrichtung des Stadteilhauses einhergegangen waren. So konnte bei manch kirchengemeindlichem Angebot der Teilnehmerkreis erweitert werden und Gemeindeglieder profitierten direkt durch ein vielfältigeres Angebot im Gemeindehaus/Stadtteilhaus, durch das auch sie sich ansprechen ließen.

© sth mitte

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Mittlerweile kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass das Stadtteilhaus sich nicht nur in der Mitte des Quartiers sondern auch als ein wichtiger Teil der sozialdiakonischen Arbeit der Evangelischen Leonhardsgemeinde etablieren konnte.Von Beginn an präsentierte sich das Stadtteilhaus Mitte als eine niederschwellige Anlaufstelle für alle Menschen des Quartiers Stuttgart Mitte. Dabei ist das Stadtteil- und Familienzentrum nicht nur erste Anlaufstelle für neu Zugezogene, sondern mit seiner vielfältigen Angebotspalette auch eine im Stadtteil bekannte und beliebte Einrichtung, die nicht nur viele Unterstützungs- und Beratungsangebote bereithält, sondern auch darüber hinaus zahlreiche Partizipationsmöglichkeiten für die Stadtteilbewohner*innen eröffnet. Dreh- und Angelpunkt des Stadtteilhauses ist das täglich geöffnete Café, nicht nur Forum für neue Anregungen und Angebote, sondern auch informeller Stadtteiltreff. Da das Stadtteilhaus lediglich eine 100%-Stelle besitzt, können die Hauptamtlichen nicht ständig vor Ort sein. In diesem Falle helfen die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen im Café aus und stellen den Erstkontakt her. Die Beteiligung und grundsätzliche Einbindung ehrenamtlicher Mitarbeiter*innen und interessierter Bewohner*innen ist geradezu verantwortlich für die Fortschreibung und konzeptionelle Weiterentwicklung des Hauses. Neue Ideen können nicht zuletzt deshalb verwirklicht werden, weil das Stadtteilhaus Mitte im Stadtteil gut vernetzt ist und zusammen mit Kooperationspartnern Lösungen und Wege zu ihrer Umsetzung ausfindig machen kann.So bildete sich im Laufe der Jahre eine immer reichhaltigere Angebotsvielfalt für nahezu alle Altersgruppen heraus: Das Stadtteilhaus Mitte fördert viele Kinder durch Bewegungsangebote in ihrer motorischen Entwicklung (Pekip, Kinderturnen, Indoor-Spielplatz, Ballett, Hip-Hop, Kindertanzen), unterstützt sie in ihrer sprachlichen Entwicklung durch gezielte Angebote wie z. B. der Hausaufgabenbetreuung und den Nachhilfeangeboten und eröffnet weite Experimentierfelder (musikalische Angebote, musikalische Früherziehung), in denen Kinder ihre Affinität zur Musik bzw. Musikinstrumenten herausfinden können.

© sth mitte

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Integrationskurse und auf die Bewältigung der alltäglichen Anforderungen bezogene Sprachkurse ermöglichen den Teilnehmenden eine zunehmende Teilhabe am öffentlichen Leben und tragen enorm zum Gelingen der Integration bei. Bildungs- und Beratungsangebote lassen das Stadtteilhaus Mitte zu einem Ort werden, bei dem ein zwangloser Erstkontakt und ein erster informeller Austausch an vorderster Stelle stehen, bei dem aber auch gezielt an geeignete spezifische Beratungsstellen weitervermittelt wird.

© sth mitte

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Neue Konzepte eröffneten auch Senioren die Möglichkeit, im Stadtteilhaus heimisch zu werden. Das Projekt „Gemeinsam statt einsam – älter werden im Quartier" hat sich zu einer echten Selbsthilfegruppe entwickelt, die den Kontakt untereinander auch in schwierigen Zeiten aufrechterhält. Bewegungsangebote wie (Seniorensport, Yoga oder Qigong) erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Spezifische Angebote für Frauen (Müttertreff, Treff der Regenbogenfamilien) werden zumeist mit Kinderbetreuung angeboten und eröffnen einen leicht zugänglichen Meinungsaustausch unter den Teilnehmenden, die fachlich von Sozialarbeiterinnen unterstützt und begleitet werden. So manches heikle Thema der Kindererziehung konnte hier angeschnitten werden und allein der ungezwungene Austausch lieferte manch wertvolle Anregung für die alltägliche Praxis. Viele der Angebote sind oft frühzeitig ausgebucht, sodass das Stadtteilhaus mittlerweile stellenweise an seiner Kapazitätsgrenze angelangt ist und nicht mehr allen Bedarfslagen und Bedürfnissen der Quartiersbewohner gerecht werden kann.

Für die am Wohnquartier und dem Gemeinwesen orientierte Arbeit des Stadtteilhauses Mitte ist es selbstverständliches Credo, dazu beitragen zu wollen, die Lebensqualität im Stadtteil stetig zu verbessern und sich aktiv ins Quartiersmanagement und die Entwicklung des Stadtteils zu engagieren. Aus diesem Grunde beteiligt es sich an vielen Foren, Konferenzen und Arbeitskreisen, um neue kommunale Vorhaben und stadtplanerische Entwicklungen schnell einem Diskussionsprozess unterwerfen, Einfluss nehmen und v.a. den Belangen der Stadtteilbevölkerung Gehör verschaffen zu können. Gegenwärtig stehen im Rahmen der internationalen Bauausstellung 2027 neue Bauvorhaben im Stadtviertel an. Das Stadtteilhaus Mitte versucht hier Lobby für all jene zu sein, die sich in den Beteiligungsprozess nicht einbringen wollen oder dazu nicht in der Lage sind. Da im Haus viele Meinungen erörtert werden und vieles oftmals beiläufig angesprochen und diskutiert wird, befindet sich die Einrichtung am Puls seiner Bewohner*innen und tritt aktiv für ihre Anliegen ein. Das wird auch weiterhin so sein, denn Stuttgarts Mitte bleibt mit Sicherheit spannend!

Jürgen Kull